19.06.2019

 Die agile Organisation  

Doch nur eine Modeerscheinung?

Lesezeit 5 Minuten

Die agile Organisation

Doch nur eine Modeerscheinung?

30% der Schweiz Unternehmen führen aktuell agile Methoden & agile Arbeitsweisen ein.* Die meisten Unternehmen verabschieden sich allerdings nach einiger Zeit wieder vom "neuen Modetrend".
Dabei birgt die agile Idee enorme Potenziale und einen ebenso enormen Wettbewerbsvorteil  gegenüber den "klassischen" Mitbewerbern.

Aber Warum? Wo ist der Knackpunkt?


Ganz einfach: Es scheitert in 90% aller Fälle an der  nötigen Disziplin und Konsequenz zur Verantwortung.**

Was meint das genau? 
Agile Team und agile Organisationen beruhen auf dem Prinzip der Selbststeuerung und Kundenorientierung. 

Selbststeuerung meint dabei die demokratische Freiheit der Mitarbeiter ihre Prozesse und Teilziele völlig frei und selbstständig zu bestimmen. Das verlangt eine enorme Verantwortung von jedem einzelnen. Zum anderen, fehlt natürlich auch die Gewähr, dass die selbstbestimmten Prozesse auch wirklich effizient und "lean" sind. Ein gravierendes Problem, wenn wir betrachten, wie divers und komplex diese Herausforderung wird, wenn wir mehrer verschieden agile Team innerhalb einer agilen Organisation zu tun haben.

Sie merken, hier liegt der Hase im Pfeffer. Aber wie wirken wir dem entgegen? Wir schaffen wir schlanke Prozesse, Kontrollen & Motivation zur Verantwortung? Natürlich ohne eine Einmischung des Management - das würde der agilen Idee entgegenwirken. 

Die Antwort darauf gibt die neu ISO 9004:2018. Dieses Business Excellence Modell beschreibt Unternehmens-interne Institutionen, die wir in unsere agile Arbeit ideal implementieren können. 
Genau das nutzen wir. Wir coachen und trainieren agile Teams und bilden diese aus, das ISO-Modell zu implementieren.

Das beinhaltet das agile Lean-/Prozess-Management, Ressourcen-Management, agile Leistungskontrolle & Kennzahlen, sowie agiles CR-Management.  

Die agile und anarchisch wirkende Organisation erhält somit ein Gerüst, welches hilft sich weiterzuentwickeln, ohne das wir wieder zurück zum alten Modell gehen müssen und wertvolle Potenziale der Zukunft verpassen. 

*(Quelle: NZZ & Handelszeitung "das agile Fussvolk" 2019)
**(Quelle: KMU-Studie 2018/2019 AK_03_05_19)


01.09.2018

TeamTherapie

Lesezeit 20-30 Minuten

In meiner jahrelangen Erfahrung im Teamcoaching habe ich festgestellt, dass es kaum anwendbare Teambuildung Ansätze gibt, welche wir in der Betriebswirtschaft effektiv anwenden können. Die Wissenschaft der Teamcoaching-Psychologie und die wirtschaftliche Praxis waren sich noch zu fremd.

Für mich war dies der Anlass ein eigenes Konzept zu entwickeln, indem wir das Teambuildung als ernstzunehmende Konstitution in ein Unternehmen einbinden. 
Gerade im Projektmanagement meiner Meinung unabdingbar. 

Entwickelt habe ich dabei die „TeamTherapie“ welche psychologische Ansätze und gängige Projektmanagement-Praxis vereint.
Teamtraining & Teamcoaching als messbarer Performance-Steigerer.
Im folgen ein kleiner Auszug aus dem Kapitel 2 meiner Ausarbeitung.

II). Die Harmonie des Ich & die Harmonie des Wir

Aus „Team Therapie“ von Johannes Baldauf Jahr 2017

Inhaltliche Zusammensetzung

1.0 Psyche der Gesellschaft

1.1. Das Individuum

1.2. Gesellschaft/System-„Wir“

1.3. Methodologischer Individualismus

2.0 Harmonie des Individuum

2.1. Selbst-Konzept nach Carl Rogers

2.1.1. Menschenbild nach Rogers

2.1.2. Entwicklung des Selbstkonzeptes

2.2 Selbstwertsteigerung

2.3. Harmonie & Dis-Harmonie des Selbst

2.3.1. Harmonie der Persönlichkeit

2.3.2. Dis-Harmonie durch klassische Diskrepanz

2.3.3. Dis-Harmonie durch Konditionierung

3.0 Konklusion: Wechselwirkung zwischen Individuum & Gesellschaft

3.1 Das Individuum als Produkt der Gesellschaft

3.2 Gesellschaft im Ergebnis individueller Harmonie


4.0 Projektion auf das System „Team“

4.1. Harmonie der Teammitglieder 4.2. Effizienz des Teams

 5.0 Summa

   

1.1. Das Individuum

1. Einführung und Erläuterungen

Denken wir an das Wort „Individuum“, so stellen wir uns bildlich eine Einzelperson - mit all seinen Facetten und Eigenschaften als zentrale Gestalt unserer Umwelt – vor. Meist geht der Begriff der „Freiheit“ mit einher. Die sympathisch klingende „individuelle Freiheit“ taucht sodann schnell in unserem Bewusstsein auf. Individualität bedeutet also Freiheit. Zumindest beschreibt das unsere übliche, anerzogene und konventionelle Denkweise.
In den folgenden Seiten, werde ich aber genau das Gegenteil dieser Annahme erläutern. Genauer wird ein sehr wichtiger und entscheidender Zusammenhang, zwischen dem Individuum und seiner Umwelt dargestellt.
Um den Begriff des „Individuum“ nun in unserem Fall genauer zu definieren, bedarf es allerdings einer deutlichen Eingrenzung dessen, was man unter dem großen Überbegriff des Individuums verstehen mag. Ferner konzentrieren wir uns nun auf das psychologische „Sein“ einer Einzelpersönlichkeit. Die Wahrnehmung, bzw. das Erleben und das Verhalten eines Menschen stehen also im Blickfeld meiner Ausarbeitung. Interessant wird allerdings nicht die Außenbetrachtung auf das Individuum, sondern die Wahrnehmung des Menschen über seine eigene Person, sowie sein Handeln.
1.2. Die Gesellschaft/System-„Wir“
Versuchen wir die Selbstwahrnehmung des Individuums, sowie seine Verhaltensweisen zu verstehen, so müssen wir aber ebenso einen besonderen Blick auf die Gesellschaft werfen. Der Mensch als „Soziales Wesen“ wird laut des Philosophen Johann Gottlieb Fichte (1762 – 1814) durch das „Soziale“ erst zum Menschen als solcher erklärt.
Was meint Soziales? Im Grunde ein sehr oft und vielseitig verwendeter Begriff. Oft auf sehr emotionale Weise politisiert und moralisiert. Im vereinfachten psychologischen Aspekt meint er jedoch mehr die Beziehung, die uns Menschen miteinander verbindet. Beziehung im Sinne der Beeinflussung/Wechselwirkung der einzelnen Individuen zueinander & aufeinander. Also das allumspannende Netz in dem wir festhängen. Ob wir nun wollen oder nicht. Dieses Netz hält uns am Leben und aus evolutionsbiologischer Sicht am Überleben. Warum dieses Netz, gar so entscheidend und unabdingbar ist ergibt sich im Verlauf der nächsten Seiten und findet in meiner Konklusion seine Erklärung.
Als Ergebnis dieser sozialen Vernetzung erhalten wir also eine Gesellschaft. Besser gesagt ein System aus Einzelpersönlichkeiten. Zum System werden wir speziell dann, wenn „Wir“ - also die Individuen – uns organisieren. Diese Eigenschaft lassen wir jetzt aber außen vor. Die Organisation eines Systems und dessen Wirkung werden in einem anderem meiner Essays genauer behandelt. Vereinfacht lässt sich der Grundsatz aufstellen: Gesellschaft als Produkt von Individuen, welche in Wechselwirkung zueinander stehen unter der Voraussetzung der Organisation.
Mit Gesellschaft meine ich jetzt aber nicht zwingend eine groß umfassende Form der staatlichen oder völkischen Organisation. Vielmehr wird das Wort „Gesell-Schaft“ im Sinn zerlegt und von mir auf sämtliches soziales Umfeld (oder mehrere soziale Umfelder) eines Individuums übertragen. Das kann sowohl die staatliche Organisation sein, in der sich ein Mensch befindet, als auch ein einfacher Sportverein oder der generelle Sozius (übersetzt: Geselle, Gefährte) einer Einzelperson. Entscheidend ist die Auseinandersetzung und Wechselwirkung, die zwischen Mensch und Gesellschaft besteht und vor allem wirkt.
   

1.3. Methodologischer Individualismus.
Wir haben jetzt also eine Darstellung des Individuums, sowie eine brauchbare Begrifflichkeit zur Gesellschaft erarbeitet. Die behauptete Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft, lässt sich im Theorem des „Methodologischen Individualismus“ wiederfinden. Dessen Grundgedanke lässt sich simpel mit dem Grundsatz beschreiben: Gesellschaft = Summe seiner Individuen. Der methodologische Individualismus und seine Anhänger verfolgen die Grundidee soziale/gesellschaftliche Phänomene aufgrund von Handlungen der jeweiligen Einzelpersönlichkeiten zu erklären.
Der amerikanische Soziologe James Samuel Coleman (1926 – 1995) erklärte durch seine „Colemansche Badewanne“ ein Analyseinstrument zur genauen Untersuchung individuellen Handelns/Verhaltens und dessen Beziehungen/Übertragung auf das gesamtgesellschaftliche Handeln/Verhalten. Diesen Ansatz nehmen wir zum Anlass um folgende Aussage zu treffen:
Gesellschaft = Summe der Individuen UND Verhalten der Gesellschaft = Summe des Verhaltens aller Individuen UND Erleben der Gesellschaft = Summe des Erlebens aller Individuen.
Wer A sagt muss auch B sagen. Damit meine ich: Wer das Handeln und Verhalten von Individuum auf die Gesellschaft überträgt MUSS also auch das Erleben/ die Wahrnehmung in selber Weise übertragen. Die wissenschaftliche Disziplin der Psychologie lehrt uns nämlich eine strikte Verbindung und Betrachtung von Erleben und Verhalten. „Wer erlebt, verhält sich auch!“. Wir gehen nun also noch einen Schritt weiter und behaupten, dass psychologische Phänomene von Individuen also auch auf die Summe dieser Individuen (Gesellschaft) übertragbar sind. Die Psyche der Gesellschaft in Wechselwirkung mit der Psyche des Individuums.

2. 0 Harmonie des Individuum

2.1. Das Selbst-Konzept nach Carl R. Rogers.

Vertiefen wir uns nun auf das Individuum. Der Mensch und seine Psyche stehen nun im Zentrum. Der amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Carl R. Rogers (1902 – 1987) hat eine sehr interessante und fundierte Theorie zum „Mensch-Sein“ entwickelt, welche er mit großem Erfolg in seinem klienten- zentrierten Therapieansatz praktisch anwendete.

2.1.1. Menschenbild nach Rogers

Rogers erklärt sein Menschenbild bildlich durch den Vergleich des Menschen mit einem Sack Kartoffeln im dunklen Keller. Bekommen die Kartoffeln Licht, so beginnen diese zu wachsen und sich zu Kartoffelpflanzen zu entwickeln, bis hin zur Entfaltung ihrer Blüten. Die Energie des Wachstums befindet sich bereits in der Kartoffelknolle, das Licht befreit diese Energie und lässt sie wirken.
Der Amerikaner beschreibt, dass der Mensch bereit von Geburt an alle Energie zur Ausbildung seiner Wahrnehmung und seiner psychischen Fähigkeiten in sich trägt. Ebenso die Kraft und Fähigkeit zur Heilung etwaiger psychischer Probleme und Konflikte. Der Mensch ist zudem ständig bestrebt zum Wachstum. Das Streben nach Selbstentwicklung und Selbstverwirklichung stehen im Mittelpunkt seiner Theorie. Das ständige Erfahren und das Erleben des „Selbst“ werden hierfür zum Zentralen Begriff. Rogers beschreibt also zunächst eine recht „Ego“- zentrierte Sichtweise des Menschen. Ja schier einen „egoistischen“ Drang zur Selbstentfaltung. Doch diesem Drang nach Selbstentwicklung bedarf ein Zutun von außen. Wie das Licht die Kartoffeln zum Wachstum fördert, so benötigt auch der Mensch „Licht“ zum Wachsen. Und dieser Blickwinkel lässt verlauten, dass auch hierbei eben nicht nur das „Ich, Ich, Ich“ eine entscheidende Rolle spielt, sondern eine Auseinandersetzung mit der Umwelt von Nöten ist.

2.1.2. Die Entwicklung des Selbstkonzeptes

Diese stetige Auseinandersetzung mit der Umwelt einer Person fördert also seine Entwicklung. Spezieller fördert das Erleben und Erfahren der sozialen Umwelt ein konkretes Selbstbildnis eines Menschen zur eigenen Person. Rogers bezeichnet diese Sicht über sich selbst als „Selbstkonzept“. Ein Begriff der Wort wörtlich zu nehmen ist. Sämtliche Selbstbeschreibungen einer Person über sich selbst basieren auf diesem „geschaffenen Selbstbildnis“ (Selbstkonzept). „Geschaffen“ ist tatsächlich der richtige Ausdruck. Das Selbstkonzept ist alles andere als eine angeborene Tatsache, welche unumstößlich feststeht. In der kindlichen Entwicklung werden für die Entstehung des Selbstkonzeptes die entscheidenden Weichen gestellt. Dabei kann ein Selbstkonzept als „positiv“ oder aber auch als „negativ“ bewertet werden. Diese Bewertung obliegt einzig und allein dem Individuum selbst. Seine Sicht über seine Person eben.
Werden Kinder in Ihrer Erziehung oft gelobt, erfahren sie bedingungslose Liebe, viel Zuneigung (geistig & körperlich) und erleben sie ihre soziale Umwelt als angenehm, so fördert all das die Entwicklung einer durchaus „positiven“ Selbstkonzeptes. Der Mensch erlebt seine Umwelt als „frei“. Freiheit, die seine Selbstverwirklichung zulässt und ihm die Wege offen hält. Ergo, seinem angeborenen Drang zur freien Entfaltung seiner Persönlichkeit wird Raum gegeben. Das Gegenteil davon wäre demnach, eine geringe Zuneigung, Liebesentzug und somit eine „negatives“ Erleben der sozialen Umwelt. Ergo, seinem angeborenen Drang wird wenig Raum zur Entfaltung seiner Persönlichkeit gegeben. Das Selbstkonzept wird vermutlich eher als „negativ“ bewertet/erlebt. Diese „Unfreiheit“ widerstrebt selbstverständlich der Natur der menschlichen Entwicklung.
Die Erfahrungen/Auseinandersetzungen des „Ich“ bzw. des „Selbst“ stehen im absoluten Fokus. Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und vor Allem der Selbstwert sind zusammenhängende Begrifflichkeiten. Augenmerk möchte ich nun allerdings nur auf den „Selbstwert“ richten. Wir haben also eben erfahren, wie das Selbstkonzept zum „negativen“ oder „positiven“ werden kann. Und eben diese Bewertung seiner Selbst mündet im Selbstwert! Dass der Mensch, welcher ein positives Selbstwertgefühl besitzt, die Welt als ebenso angenehm und positiv empfindet, ist – so denke ich – selbsterklärend. Auch wird es diesem Menschen wesentlich leichter fallen sein Leben zu bestreiten. Soziale Kontakte und Interaktionen gelingen leichter und deutlich erfolgreicher.
Auch hier wieder das Contraire: Menschen mit negativem/geringem Selbstwertgefühl, haben eher eine negative Wahrnehmung bezüglich der sozialen Umwelt. Kontakte und soziale Interaktionen gelingen mit Hindernissen und nur schwer und mit deutlich weniger Erfolg – quantitativ & qualitativ.
Das Fazit könnte also vereinfacht lauten: ein gesunder und sozial kompatibler Mensch, dessen Entwicklung und Leben positiv behaftet verlaufen soll, bedarf eines hohen Maßes an Selbstwertgefühl. Gefördert durch stetige Selbstwertschätzung!

2.2. Selbstwertsteigerung

Die stetige Wertschätzung des „Selbst“ erfolgt – wie wir erkannt haben – durch außen. Durch die Interaktion mit der sozialen Umwelt. Das Kind erfährt diese Wertschätzung durch Zuneigung, Liebe, Sicherheit der Eltern. Doch ein jedes Kind wird älter und das soziale Spektrum des Kindes erweitert sich (die stetige Entwicklung der Persönlichkeit).
Die Eltern bestätigten uns genug, wir sind auf der neugierigen Suche nach neuer Aufmerksamkeit. In der Jugend des Menschen, nimmt die soziale Umwelt immer verschiedenere Formen an. Seien es die Lehrer in der Schule, Klassenkameraden, Freunde, Verwandte oder die Mediale Welt. Wertschätzungen können hier eben aus verschiedenen Quellen gewonnen werden. Und der Mensch nutzt jede dieser Interaktionen/Feedbacks zum Antrieb seiner Entwicklung und Aktualisierung seines Selbstkonzeptes. Dabei lernt eine jede Person speziell diese Wertschätzungen aufzusuchen. Wie der Homo Sapiens das Mamut jagt, jagt der selbstwerthungrige Mensch seiner Wertschätzung und dessen Bestätigung nach. Dieser oft erwähnte Drang nach freier Entfaltung der Persönlichkeit scheint sich also auch hier in Detail zu zeigen. Ja schier ein Selbsterhaltungstrieb auf kleiner Ebene lässt sich hier abzeichnen. Eine durchaus förderliche Eigenschaft, dient sie ja einem durchaus gutem Zweck.
Im erwachsenen Alter bedient sich der Mensch dann einem durchaus konkreterem sozialen Umfeld und spezialisiert/präferiert seine soziale Umgebung hinsichtlich seiner daraus gewinnenden Wertschätzung. Seine Talente werden zum Beruf, aus vielen oberflächlichen Bekanntschaften und Freunde werden Lebenspartner und eigene Familie. Die Interaktion mit der Umwelt findet hier ihren Höhepunkt. Die Erfahrungen werden mehr und mehr, die Wertschätzungen immer gehaltvoller – wenn auch weniger, macht aber nix, da die Qualität immer entscheidender wird. Der Mensch entwickelt hier die Blüte seines Selbstkonzeptes. Sein Selbstwert und Selbstvertrauen steigern sich enorm und das Selbstkonzept festigt sich. Nun, im besten aller Fälle! Vorausgesetzt, die Entwicklung bis dato, verlief „positiv“. Auch muss nicht gesagt sein, dass die Entwicklung in diesem Stadium abgeschlossen ist. Im Gegenteil. Der Mensch entwickelt sich bis zum Tod immer weiter. Das Selbstkonzept wir immer wieder angepasst und die freie Entfaltung der Persönlichkeit kennt ebenso kein Ende.
Ebenso wenig muss gesagt sein, dass ein „ungeliebtes Kind“ automatisch ein „gesellschaftliches Opfer“ ergibt. Da sich das Selbstkonzept ständig entwickelt, können eben Defizite aus früherer Entwicklung sehr gut kompensiert werden. Der umgekehrte Fall kann ebenso auftreten. Ein „geliebtes Kind“ macht noch lange keinen erfolgreichen & glücklichen Erwachsenen! Durch die Anpassungsfähigkeit und das aktive Aufsuchen nach Wertschätzung/Bestätigung, stärkt der Mensch sein Selbstwertgefühl, welches zur Ausprägung eines „positiven“ Selbstkonzeptes führt. Und genau das ist eine der Essenzen, die uns Rogers in seinem Theorem lehrt.
        Schlussfolgernd gilt: Der Mensch besitz also die Fähigkeit sämtliche Konflikte und Probleme seiner Selbst, seines „Seins“ zu beheben und seine Entwicklung in verschiedene Richtungen verlaufen zu lassen.
Hilfsmittel: Selbstwertschätzung bzw. aktive Selbstwert- „Schöpfung“
Wertschätzung
Akzeptanz
          

2.3. Harmonie & Dis-Harmonie des Selbst

2.3.1. Harmonie der Persönlichkeit

Kommen wir also zum wesentlichen Ergebnis. Das Selbstkonzept entsteht durch die Interaktion mit der sozialen Umwelt, dieses Erleben der sozialen Umwelt wird vom Mensch „positiv“ oder „negativ“ bewertet. Erlebt der Mensch seine Umwelt „positiv“, so entsteht ein ebenso „positives“ Selbstkonzept/Selbstbildnis einer Person. Das positive Selbstbildnis gewährt die Freiheit zur Entfaltung der Persönlichkeit und somit die „gesunde“ Entwicklung des Individuums. Es entsteht also keinerlei Konflikt zwischen dem angeborenen Entwicklungsdrang und dem – durch die soziale Umwelt geschaffenen - Selbstkonzept. Also eine stimmige Situation. Eine Harmonie. Die Harmonie der Persönlichkeit.
Doch was geschieht bei stetiger „negativer“ Bewertung des Erlebten? Also bei der Herauskristallisierung eines negativen Selbstkonzeptes? Wie oben bereits erklärt, setzt hierbei der heilende Mechanismus der Selbstwertschöpfung ein.
Es besteht ja die Möglichkeit sich positive Wertschätzung zu suchen. Das heißt, wie verändern unser soziales Umfeld dahingehend, dass wir durch die Interaktion mit dieser Umwelt positive Bestätigung erhalten. Ein Beispiel wäre es, die berufliche Karriere seinen Talenten entsprechend auszurichten. Besondere Talente und Fähigkeiten ergeben Erfolge, welche Anerkennung mit sich führen. Oder wir verändern unseren Freundeskreis, dahin gehend, dass dieser, besondere Eigenschaften an der eigenen Person wertschätzt. Manchmal geschieht diese Anpassung des Erlebens der sozialen Umwelt nicht im vollen Bewusstsein. Dieser Wertschöpfungsdrang arbeitet vielmehr mit Automatismen, welche für uns nicht immer direkt ersichtlich sind.
Die Harmonie der Persönlichkeit beinhaltet allerdings noch mehr. Denn nicht nur der angeborene Selbstverwirklichungsdrang und das Selbstkonzept müssen eine Harmonie ergeben, sondern auch die Interaktion des Selbstkonzeptes und der sozialen Umwelt muss harmonisch/stimmig sein. Also das Selbstbildnis, muss der tatsächlichen und objektiven Wahrheit durch “Außen“ bestätigt sein. Besitzt der Mensch also ein falsches Selbstbild/Selbstkonzept, so muss er sein Selbstkonzept durch Reflektion der tatsächlichen Wahrheit anpassen.
Beispiel: Ein Schüler ist von sich und seinen Leistungen sehr überzeugt und ist der Meinung ein hervorragender Mathematikschüler zu sein. Jetzt passiert es doch, dass der Schüler bei einer Klausur eine mangelhafte Note für seine Leistung erhält.
Die Benotung der Klausur stellt eine faktische und objektive Wahrheit dar. Der Schüler erlebt diese Benotung als negativ und vor allem als nicht vereinbar mit seinem Bild über sich und sein Können. Um nun also eine Harmonie zwischen Selbstwahrnehmung und der objektiven Wahrnehmung zu schaffen, muss der Schüler sich mit der Wahrheit auseinander setzen. Also das Erlebte und sein Selbstkonzept reflektieren und seine Selbstbild dadurch verändern. „Vielleicht ist er ja doch nicht ganz so gut, und es bedarf der weiteren Übung seiner Fähigkeiten im Fach Mathematik“. Durch diese Anpassung entsteht also auch eine Stimmigkeit/Harmonie zwischen Realität der sozialen Umwelt und dem Selbstkonzept. Stichwort: Reflexionsfähigkeit der Persönlichkeit!
Die folgende Abbildung beschreibt die Beziehung der jeweiligen Positionen. Die Harmonie der Persönlichkeit ist der entscheidende Punkt zur gesunden Entwicklung des Menschen. Wobei die Harmonie zum „positiven“ Selbstkonzept wichtiger ist und meist mehr Gewichtung, hinsichtlich der gesunden Entwicklung des Menschen findet.

2.3.2. Dis-Harmonie durch klassische Diskrepanz

Doch was geschieht nun, bei einem nicht eintreten dieser Harmonie? Wie entsteht eine Dis- Harmonie und was für Folgen bringt dieser Fall mit sich?
Diese Dis-Harmonie kann grundsätzlich durch zwei Varianten entstehen. Carl Rogers spricht zum einen von der klassischen Diskrepanz. Ein Beispiel dafür hatten wir vorhin eben. Thema: Schüler und schlechte Note. Es besteht eine deutliche Unstimmigkeit zwischen dem Erlebten (objektive Realität im sozialen Umfeld) und dem Selbstkonzept (subjektive Meinung über sich). Passiert dieser oder ähnliche Fälle, so herrscht also eine Diskrepanz (=Differenz). Jetzt haben wir aber gelernt, dass wir diese Unstimmigkeit durch Anpassung unseres Selbstkonzeptes stimmig machen könnten und dadurch eine erneute Harmonie erzeugen können. Geschieht diese Anpassung allerdings nicht, so erleben wir unter Umständen eine Verfestigung dieser Diskrepanz. Das bedeutet im Schluss, dass wir nicht unser Selbstkonzept reflektieren und anpassen, sondern die soziale Umwelt in unserer Wahrnehmung verändern. Realitätsverzerrung und Wahrnehmungsstörungen sind Schlagworte. Bei häufigerem Auftreten kann sich diese Realitätsverzerrung immer weiter verfestigen und das Selbstkonzept bleibt starr und unflexibel. Die Welt wird schön geredet. In unserem Schülerbeispiel würde der Schüler also nicht seiner mangelnden Leistung die Verantwortung für seine schlechte Note geben, sondern unter Umständen vielmehr dem Lehrer, dem Wetter oder anderen Einflüssen von außen. Diese veränderten Wahrnehmungen können durch Verzerrung, Verdrängung oder Bagatellisierung entstehen.
Die Folge: Die Entstehung eines „starren“ Selbstkonzeptes. Und die Folge eines starren (nicht veränderbaren Selbstkonzeptes) ist eine Unvereinbarkeit mit dem Drang der freien Entfaltung der Persönlichkeit/Selbstentwicklung. Die Selbstentwicklung beruht auf Flexibilität und ständiger Anpassung neuer Eindrücke und Erlebnisse/Erfahrungen. Flexibilität vs. Starrheit! Es entsteht also ein innerer Konflikt. Ein Konflikt, dessen Auswirkungen sich auf die Interaktion mit dem sozialen Umfeld übertragen. Ein Mensch mit Wahrnehmungsverzerrungen wird sich in seinem sozialen Interagieren und Leben deutlich schwerer tun. Je Intensiver und Gehaltvoller (in Quantität & Qualität) diese Diskrepanzen und das „Erstarren“ der Selbstkonzeptes, desto größer und ausgeprägter sind die inneren Konflikte, bis hin zu groben psychischen Störungen.
  Selbstkonzept
      Selbstverwirklichung
Soziale Umwelt
  

2.3.3. Dis-Harmonie durch Konditionierung

Konflikte werden also unter anderem durch ein starres Selbstkonzept hervorgerufen. Beim Problem des starren Selbstkonzeptes gilt die Wechselwirkung der sozialen Umwelt mit dem Selbstkonzept als Ursache.
Das zweite große Konfliktpotential zur Dis-Harmonie, birgt das Thema der Konditionierung. Die Thematik der Konditionierung basiert auf der Reiz-Reaktion-Koppelung. Ein positiv empfundener Reiz wird mit einem gewünschten Verhalten gekoppelt und so oft wiederholt und trainiert, bis die positive Wahrnehmung des Reizes mit auf das Verhalten übertragen wird.
Hier begutachten wir zunächst die Wechselwirkung des Selbstkonzeptes mit dem Selbstverwirklichungsdrang. Obwohl wir hier sogar noch einen Schritt weiter gehen müssen und das soziale Umfeld als aktive Beeinflussung ebenso mit ins Boot holen müssen. Jetzt folgt eine recht komplexe Thematik, die zeigt, wie sehr Selbstkonzept, Selbstverwirklichung und die soziale Umwelt miteinander verstrickt sind.
Folgende Basis: Zur Selbstverwirklichung benötigen wir ein positives und flexibles Selbstkonzept (Gegenteil: starres, negatives Selbstkonzept). Dieses Selbstkonzept wiederum beruht allerdings – wie wir mittlerweile wissen – auf die Wertschätzung der sozialen Umwelt. Diese Wertschätzung ist für das Selbstkonzept so wichtig und essenziel, dass daraus eine Art Abhängigkeit entstehen kann. Siehe klassische Konditionierung (Reiz-Reaktion-Koppelung).
„Sei lieb und artig, so bekommst du Zuneigung und Anerkennung“
Das Selbstkonzept also als reines Produkt der Konditionierung der sozialen Umwelt.
Beispiel: „Ich bin ein guter Schüler, weil ich ein guter Schüler sein SOLL und weil ich dann belohnt werde.“
Die Vorstellungen oder besser Wunsch-Vorstellungen einer Person über sich selbst, sind in der Regel von der sozialen Umwelt genormt. Normvorstellungen, wie man sich wann und wo zu verhalten hat. Werte und Moralvorstellungen bestimmen das Selbstbildnis ungemein. Diesen Aspekt haben wir bisher völlig außer Acht gelassen. Zu Recht, denn jetzt wird er umso interessanter. Denn im Grunde ist das Selbstkonzept nicht mehr aber auch nicht weniger als eine große Moralinstanz, die wir auf unser Haupt setzen lassen. Wir bewerten unser Selbstkonzept als „positiv“ wenn wir diesen Normen und Werten des „Außen“ entsprechen. Oder wir bewerten unser Selbstkonzept als „negativ“ wenn wir dieses eben nicht tun. Die Bewertung „positiv/gut“ und „negativ/schlecht“ stammt nicht etwa aus unserem tiefsten Inneren. Denn woher soll ein neugeborener Säugling schon wissen, was gut und schlecht ist. Nein, Faktum handelt es sich bei dieser Bewertung um eine gesellschaftliche Norm, welche wir verinnerlichen und nach der wir dann urteilen. Und nichts desto trotz besitzen wir eine innere Kraft, welche uns zur Selbstverwirklichung drängt. Ein Trieb der rein auf eigenes Glück und eigene freie Entfaltung getrimmt ist. Der Drang zur Selbstverwirklichung stellt eigene Bedürfnisse und Neigungen, Triebe in den Vordergrund. Das heißt nun also wir haben zum einen eine klare Vorstellung von Normen/Werten und Moral (Soll-Zustand), welche wir durch die Soziale Umwelt erhalten und zum anderen eine egoistische Haltung der freien Selbstverwirklichung (Ist-Zustand). Wie man sich jetzt bestimmt schon denken kann, besteht hier das Konfliktpotential durch eine Diskrepanz zwischen dem Selbstkonzept (Soll) und dem Drang zur freien Selbstverwirklichung. Ein klassisches Beispiel stellt hier das diskrepante Erleben der eigenen Homosexualität dar. Ein Mensch erkennt seine homosexuellen Neigungen und Bedürfnisse und erlebt dies aber als unstimmig mit der Moralvorstellung, welche er durch seine konservative und streng religiöse Familie vermittelt bekommt.
Diese Diskrepanz verhindert/hemmt also die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Sofern das Selbstkonzept in seiner Instanz so aufrechterhalten wird. Damit die freie Selbstverwirklichung sich aber durchsetzen kann, muss das Selbstkonzept verändert werden. In unserem Beispiel: Die Person setzt sich aktiv mit seiner Homosexualität auseinander und schafft sich ein aufgeklärteres Weltbild zu dieser Thematik. Dies geschieht dann, wenn wiederum positive Wertschätzung dieses „neue aufgeklärte Weltbild“ unterstützt. Die Person wendet sich der konservativen Familie ab und findet bei Gleichgesinnten oder Freunden und anderen Kulturkreisen Zuspruch und eine positive Bewertung der Homosexualität. Passiert dies allerdings nicht und der Selbstverwirklichungsdrang wird dem Selbstkonzept untergeordnet und in seiner Entwicklung blockiert, so entsteht aus dieser Diskrepanz ein innerer Konflikt der Persönlichkeit. Auch hier, je nach Intensität und Häufigkeit bis hin zur psychischen Störung. Die Schlussfolgerung, dass auch in diesem Fall die Diskrepanz und die daraus resultierende Wahrnehmungsverzerrung nicht gerade förderlich in der Interaktion mit der sozialen Umwelt sind, sehe ich als Selbstverstand.

3.0 Konklusion: Wechselwirkung zwischen Individuum & Gesellschaft.

3.1 Das Individuum als Produkt der Gesellschaft

Wir haben nun also das Individuum Kennengelernt. Zumindest so, wie es der Psychologe Carl Rogers beschrieben hat. Wir haben das Individuum - also den einzelnen Menschen – und vor allem seine Persönlichkeit betrachtet. Dabei haben wir festgestellt, welche enorme Rolle sein soziales Umfeld in der Selbstwahrnehmung und in seinem „Sein“ darstellt. Die Schlussfolgerung lässt also folgenden Grundsatz zu:
Der Mensch und seine Persönlichkeit ist ein Produkt der Gesellschaft, welche ihn umgibt und in direkter Verbindung zu ihm steht.
Ohne die Wechselwirkung von außen, ist es dem Menschen schlicht nicht möglich sich zu entfalten. Die Gesellschaft/das soziale Umfeld wirkt also als ein Schlüssel zur freien Entfaltung seiner Persönlichkeit mit all seinen Trieben und Bedürfnissen. An sich ein Paradoxon, dass gerade der Zwang, sowie die Normen und das „sich Fügen“ der Gesellschaft die egoistischen Neigungen der Persönlichkeit anfeuern. Und wie der Philosoph Fichte es treffend beschreibt, macht diese Tatsache den Menschen zu dem was er ist. Der Mensch als einzelne Knospe am Ast, welche erst durch das soziale Zutun der Gesellschaft zu blühen beginnt. Erst dieses soziale Konstrukt befähigt den Menschen zu seiner Überlegenheit. Und erst die Möglichkeit zur freien Entfaltung und Selbstverwirklichung macht einen gewöhnlichen Menschen zum Individuum. Zu einem individuellen sozialen Produkt.

3.2 Gesellschaft im Ergebnis individueller Harmonie

Im Gegenzug bietet aber auch das einzelne Individuum einen Beitrag an die Gesellschaft. Ein Mensch, dem die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit durch die Gesellschaft gewährt wird, zeichnet sich gewiss als effizienter aus. Dieser Mensch konnte sich zur vollen Stärke und Kraft entwickeln. Er verfügt über deutlich bessere Fähigkeiten, als ein Mensch, dessen Entwicklung ungesund verlief. Diese Fähigkeiten bringt der Mensch in seinem Umfeld ein. Er gestaltet, schafft und zerstört. Er agiert also in der Gesellschaft, die ihn schuf. Es beginnt ein Mechanismus des Geben und des Nehmen. Eben eine unzertrennliche Abhängigkeit zwischen Individuum und Gesellschaft. Und so ist nicht nur das Individuum ein Produkt der Gesellschaft, sondern eben auch die Gesellschaft ohne Individuen real nicht existenzfähig. Die Gesellschaft als System unterliegt einer Organisation. Wie bereits schon einmal erwähnt, wird dieses Thema extra in einem anderen Essay behandelt werden.
Doch so viel soll erklärt sein: Ein System, welches aus mehreren Individuen bestehen, organisiert sich eben zu diesem System. Es vernetzt sich unter dem Aspekt der permanenten Interaktion der einzelnen Individuen. Eine ständige Wechselwirkung der einzelnen Teile machen diese zu einem großen Ganzen. Die Interaktion oder Wechselwirkung können wir als Kommunikation bezeichnen. Denn genau das ist es. Ein immer währendes Senden von Botschaften und ein ständiges Empfangen von Botschaften. Unter dem Senden, verstehen wir sämtliche Reize und Verhaltensweisen, welche eine Person nach außen trägt. Ob nun bewusst oder unbewusst „gesendet“ spielt absolut keine Rolle. Denn jede Botschaft/Reiz/Verhalten wird von anderen Personen empfangen. Ob diese das wollen oder nicht. Reize/Verhaltensweisen/Botschaften werden bewertet & verarbeitet und im selben Atemzug wird darauf reagiert. Und jede Reaktion ist auch nicht mehr als ein weiteres Senden. Wir sehen der Kreislauf schließt sich und der Kommunikationsfluss fließt unaufhaltsam dahin. Wie ein Seil schnürt dieser Kommunikationsmechanismus die Individuen zusammen und bindet sie an das entstehende System. Auch das Thema Kommunikation wird in weiteren Ausarbeitungen selbstverständliche weiter und detaillierter behandelt.
Summa Summarum, lässt sich also festhalten, dass Individuen in einem System ständig miteinander kommunizieren und sie dadurch ständig großer Wechselwirkung unterworfen sind, welche allerdings ein einzelnes Individuum zu dem macht, was es tatsächlich darstellt.
Und gehen wir nach Carl Rogers, so halten wir fest, dass also eine positive Wechselwirkung auf das Individuum (Individuum erlebt seine soziale Umwelt als positiv) eine positive Entwicklung des Individuums mit sich bringt. Und eine gesund entwickelte Persönlichkeit ist somit wesentlich effizienter und von größerem Nutzen für die Gesellschaft.
Bedienen wir uns jetzt wir dem oben beschriebenen Theorem des methodologischen Individualismus und der „Colemanschen Badewanne“, so könnten wir die Aussagen treffen:
I) Der Selbstverwirklichungsdrang des einzelnen Individuums lässt sich ebenso auf die gesamte Gesellschaft übertragen. Sogar ein Muss, wenn man bedenkt dass ein wachsendes Individuum Freiraum benötigt und mehrere Individuen in der Masse, somit ebenso so mehr Freiraum benötigen. Tolle Beispiele lassen sich in völkisch organisierten Gesellschaften erkennen. Die antiken Römer und deren Wachstum zur erfolgreichen Hochkultur. Oder noch ersichtlicher das Prinzip der menschlichen Evolution und gesellschaftlichen Evolution, welche sich exponentiell stark entwickelt.
II) Eine gesunde Entwicklung der Persönlichkeit überträgt sich ebenso auf die gesunde Entwicklung einer Gesellschaft. Eine harmonische Persönlichkeitsstruktur zeichnet sich in der Masse mehrerer Individuen ab. Denn nur ein harmonisches soziales Umfeld kann neue Individuen mit positiven und wertschätzenden Reizen konfrontieren. Zur Veranschaulichung: Eine Gruppe psychisch erkrankter Personen wird niemals so effizient agieren können wie eine Gruppe psychisch gesunder Personen. Im Gegenteil. Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass die Gruppen psychisch erkrankter Personen in ihrer Weiterentwicklung immer negativer und ineffizienter wurden, die Vergleichsgruppe mit den psychisch gesunden Personen wiederum immer effizienter und erfolgreicher in ihrer Entwicklung. Ein erneuter Für-Spruch unserer Thesen.
III) Ergebnis: Die Harmonie der Persönlichkeit steht im direkten Zusammenhang mit der Harmonie der Gesellschaft.
   

4.0 Projektion auf das System „Team“

Betrachten wir nun eine spezielle Form einer Gesellschaft. Das Team. Auch jetzt muss ich den Leser für eine genauere Auseinandersetzung zu dieser Thematik vertrösten. An dieser Stelle nehmen wir uns „Das Team“ - lediglich - unter der Betrachtungsweise hinsichtlich seiner Effizienz und bezüglich der Harmonie und dessen Auswirkungen der einzelnen Teammitglieder vor.

4.1. Harmonie der Teammitglieder

Ein Team besteht aus mehreren Teammitgliedern. Ein jedes Teammitglied stellt ein Individuum dar. Also eine Persönlichkeit, wie sie Carl Rogers uns erklärt. Die soziale Umwelt in diesem konkreten Fall beschränkt sich allerdings nur auf die anderen Teammitglieder. Da ein Team eine gemeinsame Richtung/ein gemeinsames Ziel verfolgt und alle dieselbe Intension haben, vereinfacht dies die Komplexität der sozialen Umwelt. Anders verhält es sich, wenn wir die soziale Umwelt eines Schülers und sein Leben als gesamtes Betrachten würden. Dort besteht das soziale Umfeld aus Lehrern, Mitschülern, Eltern/Familie, Freizeitsozius, etc. All diese Einzelgruppierungen innerhalb der sozialen Umwelt besitzen eine eigene Intension und verfolgen eigene Ziele und unterliegen eigenen Vorstellungen. Um also den Einfluss der sozialen Umwelt im Fall des Schüler genauer zu analysieren und du deuten, bedarf es der Einzelbetrachtung jeder einzelnen Komponente. Unter Umständen stellt dies eine gehörige Herausforderung dar. Zusammenhänge lassen sich in solchen Fällen schwer herausarbeiten und erklären.
Halten wir also fest: Die soziale Umwelt eines Teammitgliedes ist sehr einseitig und deutlich simpler in ihrer Komplexität. Der Vorteil daraus besteht darin, dass die Analyse dieser Beziehungen und Wechselwirkungen einfach gestaltet werden kann. Teammitglieder erkennen Konflikte und Problematiken wesentlich schneller und sind dadurch flexibler hinsichtlich ihrer Veränderbarkeit und Anpassung.
Diese Tatsache birgt jedoch auch einen Nachteil. Nach Rogers Erklärung zum Selbstwert bzw. zur Selbstwertschätzung & Selbstwertschöpfung, benötigt der Mensch positive Reize seiner Umwelt. Auch haben wir festgestellt, wenn eine Person diese Wertschätzung aus seinem sozialen Umfeld nicht erfährt, das Individuum sich verändert und sich eine andere Quelle zur Selbstwertsteigerung sucht. Das Ergebnis soll ja schließlich ein hoher Selbstwert sein und eine damit verbundene Harmonie der Persönlichkeit und seiner Entwicklung. Erfährt ein Teammitglied also wenig oder keine positive Wertschätzung, so besteht so gut wie keine Möglichkeit, sich andere Wertschätzung-Quellen zu suchen. Denn alle Teammitglieder verfolgen selbe Ziele, teilen gemeinsame Werte und stehen für gleiche Richtlinien. Eine andere erweiterte soziale Umwelt ist für den speziellen Fall des „Teams“ nicht vorgesehen. Was passiert nun? Laut Rogers würde eine Diskrepanz innerhalb der Persönlichkeit des Teammitgliedes entstehen. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit wird gefährdet. Die Leistung des Teammitgliedes gehemmt und blockiert. Um diesen Fall nun eben zu verhindern und diese Tatsache erst gar nicht auftreten zu lassen, muss nun die reale soziale Umwelt verändert werden!
Das „Muss“ bewusst gewählt. Denn die einzige alternative Konsequenz wäre die Auflösung des „Teams“ als solches. Die soziale Umwelt ist dem Zwang zur Wertschätzung verpflichtet. Allerdings mit einer gewissen Authentizität. Offene und ehrliche Wertschätzung ist unabdingbar. Eine unehrliche oder nicht aufrichtige Zuneigung einem Teammitglied gegenüber, würde sogar eher das Gegenteil bewirken.
Wir erkennen also, dass es sich beim Team als solches um eine besondere Konstellation einer Gesellschaft handelt. Vor allem in Betrachtung auf den Ansatz nach Carl Rogers und der Harmonie der Persönlichkeit, ergo der Harmonie des gesamten Teams.
   

4.2. Effizienz des Teams

Jedoch lässt sich die Harmonie des Team sehr gut in Ihrer Effizienz und ihrer Erfolge messen. Das Team per se existiert ja schließlich einzig und allein auf der Basis der auftragsorientierten Zielerreichung und dessen Erfolg dadurch. Das Geheimnis der Teamorganisation ist die zielführende Kommunikation und Interaktion der einzelnen Teammitglieder. Und eben diese funktioniert besonders dann hervorragend, wenn die Harmonie der Persönlichkeit - des jeweiligen Teammitgliedes – gegeben ist. Der Einzelne wächst mit seiner Aufgabe (Selbstverwirklichung im Mikro) und steigert seine Leistungsfähigkeit, speziell eben auch die Fähigkeit der Kommunikation.
Auch hier gilt: je größer die Harmonie des Einzelnen, desto größer die Harmonie der Gesellschaft, desto effizienter die Interaktion untereinander, ergo die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft.
Harmonie des Teammitgliedes
Harmonie der Teams
Leistung des Teams/Erfolg!

5. Summa

Rogers lehrt uns eine sehr positive und durchaus schlüssige Sichtweise zu menschlichen Persönlichkeit. Sie ist sehr vielseitig anwendbar und zeigte in Rogers Therapien einen recht großen Erfolg. Auch die Forschung und wissenschaftlichen Weiterentwicklung der heutigen Psychologie beschäftigen sich nach wie vor auf der Grundlage seiner Theorie zur Persönlichkeit.
Nun gingen wir allerdings einen Schritt weiter und haben Rogers These der Persönlichkeitspsychologie mit soziologischen Ansätzen kombiniert. Der Soziologe Coleman findet mit seiner „Colemanschen Badewanne“ eine ideale Erklärung individueller Verhaltensweise und deren Übertragbarkeit in gesamtgesellschaftlicher Ebenen. Gerade in der Sozioökonomie ist Colemans Theorem sehr begehrt und dient vielen wirtschaftlichen Phänomenen als Kausalitätsgrundlage. Und nicht nur die Leistungssteigerung und Erfolgsentwicklung in der makrouniversellen Volkswirtschaft, sondern – und das war unsere Intension - auch in der mikrouniversellen Betriebswirtschaft. Konkret: am Anfang und an der Basis jeden wirtschaftlichen Handels und Ergebnisses. Beim Menschen. Ohne ihn es doch das ausgedachte Konstrukt der „Wirtschaft“ nie existent wäre. Und umgekehrt, wären Menschen ohne diese ausgedachte Konstrukte auch weniger Sapiens als einfacher Homo Erectus. Und immer dann, wenn zwei oder mehrere Persönlichkeiten sich begegnen und sich ein Vorhaben ausdenken und ein Ziel fixieren. Genau dann passiert es. Ein Team.
      
Johannes Baldauf - TeamTherapie 

02.05.2018

Kaizen-Coaching

Lesezeit 20-30 Minuten

Immer wieder stelle ich fest, wie viele Unternehmen Lean Management & Kaizen Merhoden implementieren und dabei dennoch nicht wirklich weiterkommen. Warum? Weil oftmals der eigentliche Sinn nicht erkannt und angewandt wird. Im folgenden setze ich mich kritisch mit diesem Thema auseinander.

LEAN SIX SIGMA – DER STARRE KÄFIG DER METHODEN

DER WEG ZUM KAIZEN


ABHANDLUNG VON JOHANNES BALDAUF

1. LSS IN UNSERER UNTERNEHMENSKULTUR

a) Prozessoptimierung & Methoden
b) Unternehmensziele


2. KONFLIKTPOTENZIAL

a) Oberflächliche Therapie vs. effektiver Wurzelbehandlung

b) Unternehmensziele vs. Kundeninteresse


3. KAIZEN/KVP

a) Kundeninteresse als Fokus

b) Vision statt Unternehmensziele

c) Japanische Ökonomie-Philosophie

4. IMPLEMENTIERUNG VON HALTUNGEN STATT WERKZEUGEN

a) Kaizen als Unternehmensphilosophie

b) Mensch als Basis aller Prozesse

   

VORWORT

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich nun mit Systemen und Prozessen. Systemdynamiken, Prozessoptimierung und vor allem mit den Lean SixSigma-Anwendungen.
In meiner Laufbahn als Team-Trainer und System-Coach befasste ich mich vermehrt mit sozio-psychologischen Methoden und Sichtweisen. Umso interessanter wurden dann das Feld des SixSigma und deren Praktische Umsetzung. Und was mir dann relativ schnell aufgefallen ist, war die zu nüchterne und unflexible Herangehensweise, welche ich des Öfteren angetroffen habe.
Schon bald setzte ich mich ein wenig kritischer mit der Lean SixSigma- Disziplin und deren praktischer Anwendung in der Unternehmerwelt auseinander.
   

1. LSS IN UNSERER UNTERNEHMENSKULTUR

a) Prozessoptimierung & Methoden

Im Bereich der Prozessoptimierung geschahen in den letzten 60 Jahren enorme Bewegungen und das Arbeitsfeld bekam ein starkes wissenschaftliches Fundament. Vorreiter für Methodik und Konzepte zum Thema Prozesse und deren Effektivität waren die japanische Industrie und deren Ökonomie-Philosophen.
In den Vereinigten Staaten versuchte man viele Ansätze und Methodologien zu kopieren und ganze Räder neu zu erfinden. Es schien gar so, als entwickelte man adäquat zu jedem Prozess- Problem - ergo zu jeder Prozess-Herausforderung - eine eigene Vorgehensweise. Quasi eine detaillierte Anleitung zur maximalen Effizienzsteigerung von Prozessen jeglicher Art. Gebündelt in Begrifflichkeiten wie „Lean Management“ mit all seinen Werkzeugen und Tools (spezielle Anleitungen zur Bewältigung spezieller Prozess- Problematiken nach Anwendungsfeldern).
Oder - Kind amerikanischer Industrieller - die „SixSigma-Methode“, welche in unserer westlichen Unternehmenswelt schier ausschließlich in der Produktion anzutreffen ist.
Ich könnte nun viel tiefgreifender über 5s-Methode, Wertstromanalysen und Prozess-Zyklen philosophieren bis die Gauß ́schen Glocken bimmeln. Aber nein, das ist nicht der Sinn dieser Ausarbeitung.
Vielmehr geht es mir darum, zu erklären wie sich die Disziplin der Prozessoptimierung heutzutage präsentiert. Nämlich strikt, sowie klar geordnet und sortiert. Klare Muster und Schemen, die es Unternehmern und deren Mitarbeitern scheinbar spielend einfach machen ihre Prozesse zu verbessern und die maximale Effizienz zu generieren. Zumindest wird dies durch die Methoden und deren Lehrer in Seminaren, Weiterbildungen und Vorträgen immerzu versprochen. Optimierung der Prozesse, Effizienz, Ersparnisse und dadurch sichtlich mehr Erfolg. Denn darum geht es schlichtweg.

b) Unternehmensziele
Es geht um Erfolge. Bei uns im Westen in den meisten Fällen mit den Worten „Profit-Steigerung/Maximierung“ oder eben (um den klassischen Lean Gedanken aufzufassen) um „Kosten-Senkung“. Letzteres lässt vor allem schwäbisch/alemannische Herzen höherschlagen. Aber ja so habe auch ich es in Studium und Praxis gelernt.
Doch ob diese Prämisse und Herangehensweise an das Thema Prozessoptimierung unbedingt die beste ist, sehe ich kritisch.
Denn wie vieles in unserer komplexen Welt birgt auch unser bekanntes LSS-System so manches Konfliktpotenzial mit sich. Und wie bei vielem schadet es bestimmt nicht Sichtweisen zu verändern und sich mit eigenen Herangehensweisen kritisch auseinanderzusetzen. Was gewissermaßen nicht leicht fällt. Denn, wer will sich schon eigene Fehler eingestehen.

2. KONFLIKTE UND GEFAHREN

a) Oberflächliche Therapie vs. effektiver Wurzelbehandlung

Aber nicht alles ist schlecht und es sind nicht die LSS-Methoden, welche fehlerhaft sind. Es ist mehr die Art wie wir sie anwenden.
Denn selbstverständlich halte ich die Methoden und Werkzeuge der Lean SixSigma-Disziplin für äußerst hilfreich und für sehr gute Wegweiser, um Herausforderungen im Prozessmanagement anzugehen. Aber für mich sollten diese niemals mehr als Werkzeuge und Hilfestellungen, sowie Wegweiser sein.
Bei meinen Teamtrainings und System-Coachings in verschiedensten Unternehmen durfte ich allerdings immer wieder feststellen, dass viele dieser Methoden und gelernten Tools/Strategien für bare Münze gehalten wurden und als unumstößliche Wunderheilmittel angesehen sind. Natürlich funktionieren all diese Methoden. Und ja, natürlich gibt es unzählige Beispiele mit hervorragenden Erfolgsergebnissen. Aber: ebenso oft, werden Lean SixSigma Methoden und Strategien zu strikt und starr angewendet. Man beharrt oft und gerne zu sehr auf die LSS-Anleitungen. Zudem werden Prozess-Problematiken mit Lean SixSigma Methoden oft zu oberflächlich behandelt. So kommt es also vor, dass ein bestimmter Prozess von einem bestimmten Team zu einer bestimmen Zeit - unter Anwendung der LSS-Praxis - erfolgreich optimiert wird, allerdings ein anderer Prozess (jedoch mit verwandten Abläufen und Funktionen) zu einem späteren Zeitpunkt vom selben Team als völlig neue Herausforderung wahrgenommen wird. Weshalb?
Schlichtweg deshalb, dass oft jeder Prozess für sich alleinstehend betrachtet wird und die LSS-Werkzeuge viel zu starr und undynamisch angewandt wurden. Der Gesamtkomplex aller Prozesse wird schnell vernachlässigt und außer Acht gelassen.
Nachhaltiger und effizienter wäre es doch, letztendlich eine Herangehensweise zu finden, welche einzelne Prozesse im Gesamtkomplex sichtbarer und verständlicher macht. Und zudem die jeweiligen LSS-Methoden auf diesen Gesamtkomplex und vor allem auf das gesamte Team generalisiert. Wie wir dahin kommen werde ich im Text noch behandeln, aber zunächst ein weiterer wichtiger Konfliktpunkt in unserer bekannten LSS-Welt, welcher erwähnt werden soll.

b) Unternehmensziele vs. Kundeninteresse

Ich habe oben kurz die Ziele eines Unternehmens geschildert, welche der Lean SixSigma Disziplin zu Grunde gehen.
Prozessoptimierung bedeutet also in erster Linie Steigerung von Profit. Das geschieht bekanntlich entweder durch Umsatzsteigerung bei relativ gleich bleibenden Kosten oder eben bei der Senkung der Kosten (Effizienzsteigerung).
Beim Prozessmanagement befasst man sich dem Naturell gemäß natürlich automatisch mit der Kostensenkung, ergo die Effizienzsteigerung der jeweiligen Prozesse.
Die klassische Umsatzsteigerung würde man eher den Bereichen Sales/Marketing etc. zur Aufgabe stellen.
Aber der eigentliche Grundgedanke des Lean Management war es, Prozesse so zu optimieren, dass die Ergebnisse tatsächlich zu mehr Kundenzufriedenheit führen.
Und ich behaupte nun, dass sich der Lean Management- Grundgedanke und die heute übliche Anwendung der LSS-Strategien diskrepant zueinander verhalten.
Im Laufe der Entwicklung der LM-Methoden hat man sich oft zu sehr auf die reine Kostenreduktion versteift. Die Kundenzufriedenheit wird in vielen Prozessoptimierungen gar nicht mehr thematisiert. Ja sie wird gar nicht mehr wahrgenommen. Dabei ist gerade diese Wahrnehmung so entscheidend. Denn auch hier laufen wir Gefahr uns zu sehr auf einzelne Teile/Prozesse/Ergebnisse zu versteifen. Wir verlieren auch hier die Sichtweise auf den Gesamtkomplex.
Natürlich gibt es sehr viele Prozesse bzw. Teilprozesse, welche so direkt mit dem Kunden keinerlei Berührungspunkte teilen und scheinbar völlig unabhängig voneinander agieren. Scheinbar. Denn in Wahrheit ist jeder Prozess im Unternehmensablauf ein kleiner Teil, der letztendlich doch dazu führt, dass Kunden am Ende der Produktionskette zufrieden sind. Ergo, immer zufriedener werden.

3.KAIZEN/KVP

a) Kundeninteresse als Fokus

Denn genau darum sollte sich eine jede Handlung im Unternehmen drehen. Der Kunde und seine Zufriedenheit. Die Kausalkette von „zufriedener Kunde“ zu „Umsatzsteigerung“ muss ich nicht weiter schildern.
Aber was haben Kostensenkung, Vermeidung von Verschwendung und effiziente Arbeitsplatzorganisation mit Kundenzufriedenheit zu tun?
Denn wenn wir ehrlich sind, interessiert das eine Kunden absolut gar nicht. Ihn interessiert einzig das Produkt oder die Dienstleistung am Ende der Prozesskette.
Ganz simpel: Jede Art der Energie, welche wir durch Prozessoptimierung sparen, können wir für den Einsatz der direkten Kundenzufriedenheit aufwenden.
Ändern wir also unsere Sichtweise und nehmen die Kundenzufriedenheit in den Fokus einer jeder Prozessoptimierung, merken wir schnell wie gut sich „Umsatzsteigerung“ & „Kostensenkung“ unter dem Mantel der Kundenzufriedenheit vereinen lassen.
Mehr noch: Wenn wir jeden noch so kleinen Prozess in unserem Unternehmen immer mit dem Kundenfokus einer Prozessoptimierung unterziehen, schaffen wir automatisch immer einen Horizont für den Gesamtkomplex.
Ergo, wir erzwingen uns somit quasi immer die Betrachtung des großen Ganzen.

b) Vision statt Unternehmensziele

Folglich müssen wir an dieser Stelle auch beginnen die oben erwähnten Unternehmensziele neu zu definieren. Der Erfolg sollte nun weniger auf „Umsatzsteigerung“ oder „Profit-Maximierung“ basieren. Vielmehr sollte auch hier die Kundenzufriedenheit im Mittelpunkt stehen. „Kundenzufriedenheits-Maximierung“ wenn man so will. Zumindest so das Unternehmensziel, was das Prozessmanagement anbelangt.
Auch im Vergleich zu Mitbewerbern sollte man sich vermehrt den Anspruch setzen: „Die zufriedensten Kunden zu haben“.
Nun das Prinzip auch hier das selbige. Prozessoptimierung führt zu zufriedenen Kunden, dies führt zu mehr Umsatz.
Aber wenn das Prinzip ja eh dasselbe darstellt, weshalb das sture festklammern am Bild vom „zufriedenen Kunden“?
Zumal der Begriff „zufriedener Kunde“ ein nur schwer greifbares Ziel darstellt, welches man kaum in Fakten und Zahlen mit reellem Bezug auf Umsatz und Profit übersetzen kann.
In unserer Welt der geplanten Unternehmensziele und -Strategien nur schwer vorstellbar. Und dennoch geht es nach wie vor um die Vorstellung. Die Ansichtssache und somit die Herangehensweise an die Thematik.
Mit dem Kredo des „zufriedensten Kunden“ errichten wir uns eine Vision. Eine Vision, welche mehr oder minder weit entfernt scheint. Und noch viel unangenehmer: Der Weg dorthin scheint uns ebenso unbekannt und undefiniert.
Aber eben genau diese Informationslücke sollte Ansporn für uns sein immer wieder und kontinuierlich die Kundenzufriedenheit im Fokus zu behalten.
Was geschieht also wenn wir unseren Fokus auf die Kundenzufriedenheit setzen:
- Wir machen komplexe Prozesszusammenhänge deutlich sichtbarer. Dies lässt Prozessfehler leichter erkennen und ermöglicht uns eine erleichtere Optimierung.
- „Kundenzufriedenheit“ steht mit Unternehmenszielen wie „Profit-Steigerung“ & „Kostensenkung“ in Wechselwirkung zueinander. Dies führt ebenso zur besseren und erleichterten Wahrnehmung der Gesamtkomplexität des Prozessmanagements.
- Wir schaffen uns eine Grundhaltung, welche uns einen großen Leitfaden und Wegweiser bietet. Aufbauend darauf sind sämtliche Prozessoptimierungen zu jederzeit stimmig auf ein und dasselbe Ziel gerichtet.

c) Japanische Ökonomie-Philosophie

Die Grundhaltung ist das entscheidende. Prozess- oder Lean Management ist stets eine Sache der Denkweise und der Haltung.
  Wissen Sie was das Absurde bei der LSS-Thematik ist?
Der japanische Automobil-Konzern Toyota gilt als Mutter der Prozessoptimierung und als Wiege des Lean Management.
Die komplexe Lean SixSigma-Methodik beruht auf den hervorragenden Leistungen und Ergebnissen Japanischer Industrie und allem voran Toyota.
Und nun die Pointe: Toyota arbeitet nicht mir Lean SixSigma Methoden.
Bei Toyota gibt es lediglich einen Grundsatz. Eine Haltung. Die Lean Grundsätze und vor allem:
„Kai Zen“ – der beständige Wandel zur Verbesserung. Und dies stets im Interesse des Kunden.
Die Japaner setzen auf Beständigkeit und vor allem auf kleine Schritte. Kontinuierlich und jedes Mal besser. Kleine Schritte sind stabiler und ein falscher Schritt kann so schneller und leichter wieder zurückgegangen werden. Diese Haltung, welche sich durch Teams und Mitarbeiter zieht, macht viele LSS-Anwendungen oft überflüssig.
Die Japaner verzichten auch große Sprünge und das damit verbundene Risiko im Falle des Irrtums.
Und wenn ich vom „Japaner“ spreche, dann nicht ausschließlich von Toyota. Vielmehr zeichnet sich dieses Leitbild in der gesamten japanischen Ökonomie ab. Ein Leitbild, welches mit Sicherheit von soziokulturellen Hintergründen geprägt wurde. Dass die Japaner Meister im Beherrschen komplexer Systeme sind steht außer Frage. Ob in Megacitys auf kleinstem Raum oder bei japanischem Personen- Nahverkehr. Ein japanischer Zug kommt pünktlicher wie kein anderer dieser Welt. Ich muss Ihnen nicht erzählen wie komplex solch perfekt getakteten Logistik-Systeme sein können.
Wo das Geheimnis hinter all dieser enormen Leistung steckt, kann uns bis heute kein westliches Wissenschaftsteam genauer erklären. Denn Strategien und Anleitungen, welche bis ins Detail geplant sind (wie bei uns der Fall) gibt es kaum.
Es muss sich also um eine Grundeinstellung handeln. Es geht leidglich um die Grundprinzipien des Lean Management und dem großen Leitbild des Kaizen. Kleine Schritte mit kleiner Veränderung und stets besser.
Bei uns ist das eher anders. Große Sprünge, große Innovationen und enorme Meilensteine prägen unser Bild der Unternehmensentwicklung.
Solch große Schritte sind natürlich sehr aufwendig. Es bedarf an Sicherheiten und Gewissheit, das Innovationen und große Veränderungen nicht scheitern und sich stabilisieren können. Umso intensiver fixieren wir uns dabei auf festgelegte Schemata und - wie bereits oft erwähnt - starre Strategien, Analysen und die damit verbundene fehlende Sichtweise des Gesamtkomplexes. Da wird es schnell offensichtlich, weshalb wir das große Ganze und das Kundeninteresse nur beiläufig registrieren und dies immer mehr aus dem Mittelpunkt unserer Wahrnehmung verschwindet.

4.IMPLEMENTIERUNG VON HALTUNGEN STATT WERKZEUGEN

a) Kaizen als Unternehmensphilosophie

Und genau an dieser Stelle, sollten wir beginnen unser Handeln einmal kritischer zu hinterfragen.
   Meiner Meinung nach ist es nämlich durchaus sinnvoll sich die eine oder andere Scheibe japanischer Leitbilder abzuschneiden.
Ich spreche dabei von der Implementierung einer Haltung. Die Kaizen-Philosophie als neuen Teil der Unternehmensphilosophie zu implementieren.
Wir setzen somit neue Ansprüche. Definieren diese schlichtweg anders. Und nochmal, es ändert sich der eigentliche Sinn der Prozessoptimierung nicht. Aber die Herangehensweise wird deutlich verändert. Der Horizont wird deutlich erweitert. Und ich bin davon überzeugt, dass genau dies eben der entscheidende Weg zum Erfolg darstellt. Sogar der deutlich effizientere Weg. Wenn man so will, schaffen wir dadurch eine Prozessoptimierung der Prozessoptimierung.
Aber wie implementieren wir eine solche Haltung? 

b) Mensch als Basis aller Prozesse

Grundsätzlich muss uns bewusst sein, dass alle Beteiligten - ja im Besten Falle gar alle Steakholder eines Unternehmens -diese Haltung wahrnehmen und alle Mitarbeitenden diese Kaizen/KVP-Sichtweise entwickeln und alltäglich anwenden.
Jeder Prozess und erstrecht jeder neue Prozess sollte dahingehend ausgerichtet sein: Step by Step zur Verbesserung und immer fokussiert auf Kundeninteresse.
Wie kommen wir dahin? Bei meiner Arbeit im Systemcoaching habe ich stets immer zuerst begonnen ein Fundament zu schaffen. Wenn ich also mit einer Arbeitsgruppe/Team/Abteilung /Prozessbeteiligte arbeite, dann werde ich eben nicht gleich mit dem Briefing von Analyseinstrumenten und LSS-Werkezeugen beginnen.
  Viel entscheidender ist es eine Basis zu schaffen, welche jeden Mitarbeitenden das Bewusstsein schafft, welche Vision zu verfolgen ist. Das zudem jeder Prozess menschlicher Basis ist. Das jeder Prozess geprägt ist von menschlicher Kommunikation. Das jeder Prozess von Leitbildern geleitet werden soll. Es muss ein Bewusstsein geschaffen werden wie Systeme funktionieren, warum sie scheitern und wie eben dieses verhindert werden kann.
Auch muss das Bild oder die Vision der Kundenzufriedenheit immer wieder thematisiert werden. Der Horizont muss so geschaffen werden, dass man hinter jedem Prozess eines Unternehmens die Kundenzufriedenheit entdecken kann.
Und erst nach diesen System- oder TeamCoaching/Training /Briefing wird erklärt welche Analyseinstrumente existieren, welche Vorgehensweisen sich etabliert haben und was uns der Lean SixSigma-Werkzeugkasten alles bietet.
Und ich wiederhole mich erneut: Lean SixSigma-Methoden sind ja per se absolut nicht schlecht oder fehl am Platz. Aber Sie sind eben lediglich Werkzeuge, welche wir benutzen. Nicht mehr aber auch nicht weniger.
Die große Frage ist ja letztendlich nur, wie wir diese Werkzeuge anwenden. Und ich bin davon überzeugt, wenn wir den KVP oder die Kaizen-Idee im Unternehmen zum Leitbild erklären und immer fortwährend hochhalten, werden wir schnell feststellen, welche Lean SixSigma Methoden uns tatsächlich weiterbringen. Jeden Tag, Jedes Mal ein bisschen besser.
   

Johannes Baldauf